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Geschrieben von Beobachter II (2010-07-22 14:33:42):


>> Es gab nie "Vollgeld".
> Bei Ivan hört es sich auch so an, als ob sich der Vollgeldbegriff nur auf die Geldbasis bezieht.

Den Begriff Vollgeld einfach nur auf die Geldbasis (ZBGeld) anzuwenden, halte ich für nicht ausreichend. Er bezieht sich eher auf das "Geldsystem" insgesamt, also insb. auf die Frage, was momentan als das "allgemein akzeptierte Zahlungsmittel" (= GELD/Kaufkraft) in einem Währungs-/Wirtschaftsraum verwendet wird, UND, ob dieses überhaupt und welche "Deckung" durch sog. Geldbasis aufweist.

Mir sind da 2 Definitionen oder Konzepte von "Vollgeld" oder "100%-Geld" bekannt :

_ 1) Das erste Konzept besagt : Es gibt außer dem ZBGeld kein anderes Geld (Zahlungsmittel). Eine eGeld-Schöpfung (von GBGiral) per Bilanzverlängerung durch die Geschäftsbanken findet definitiv nicht statt. Dieses interessante Konzept einer Vollgeld-Monetative (vgl. auch Silvio Gesell) kann hier nachgelesen werden (Abschnitt 2 und 3) :
» http://www.monetative.de/?page_id=13
» http://www.monetative.de/?page_id=106

    Das besonders Innovative hierbei ist : Die Girokonten der Bankkunden sind echte eZBGeld-Depots unter der Verwaltung der Banken und befinden sich nicht (!) in den Bankbilanzen. Und, nach meinem Verständnis gilt hier auch : Die ZB bucht auf ihrer Passivseite neben "Bargeld im Umlauf" auch noch "eGeld im Umlauf", da das ZBGiral als solches die ZB ebenfalls "verlassen kann". Alternativ dazu wäre : Die Bank verwaltet ZBGeld-Guthaben/-Depots ihrer Kunden, die sich aber auf den Rechnern der ZB befinden. Der Geldforderung des Bankkunden stünde direkt eine Verbindlichkeit der ZB gegenüber - die Verwaltung obliege aber der Hausbank.

_ 2) Das zweite Konzept geht ganz vom heutigen Banken- und Buchgeldsystem aus und besagt bezüglich der Geldmengen M0* und M1 : "M0 = (M1 - M0) = (M1)/2".

    Mit anderen Worten : Die Mindestreserve auf "M1 - M0" beträgt 100% (bei jeder Einzelbank natürlich). Hier spricht mensch auch vom "100%-Geld". Eine eGeld-Schöpfung (von GBGiral) per Bilanzverlängerung durch die Geschäftsbanken kann nur soweit stattfinden, wie noch gilt : "M0 ≥ (M1 - M0) bzw. (M1)/2" - solange es also noch eine Überdeckung von GBGiral mit ZBGeld bei der einzelnen Bank gibt.

    *) Geldmenge M0 = ZBGuthaben der Banken + Bargeld innerhalb der Banken (vgl. Geldbasis/ZBGeld = M0 + Bargeld der Nichtbanken)

> Das die Geschäftsbanken in ihrer Kreditvergabe eingeschränkt würden (was ja wohl auch nicht zu wünschen wäre) konnte ich nicht herauslesen.

In Vollgeld-Systemen steht die Preisniveaustabilität in der Realwirtschaft im Vordergrund ... danach muss die umlaufende Kaufkraft (Geldmenge) ausgerichtet werden, anstatt an den Wünschen der Banken und ihrer Kunden. Die letzteren beiden Gruppen interessieren sich für das erstere kaum, denn : Das Hemd ist Einem näher als die Jacke. Dabei vergessen sie allerdings nicht, ständig nach Preisstabilität zu rufen ... ist ja komplett "System irrational".

> Begründet die primäre Wirkung von Vollgeld auf den Mindestreserven der Banken? Diese ließen sich für sich neu festlegen [...]
> Mir geht es um die Logik, Vollgeld als Prinzip zu fordern. Was macht dessen Wirkung aus?

Die Wirkung wäre :

_ 1) dass ein Bankrun den Banken nichts anhaben kann;
_ 2) dass im Falle einer Bankinsolvenz die Gläubiger/Kunden der Bank kaum Geld verlieren würden, und
_ 3) dass die umlaufende Geldmenge im Besitz der Nichtbanken (als die sofort verfügbare Kaufkraft) wesentlich besser durch die ZB steuerbar wäre - nämlich durch ihre uneingeschränkte und effektive Monopolstellung bei der Geldschöpfung.

Kannst du dir vorstellen, dass 100 profitorientierte und gegeneinander konkurrierende Privatbanken durch "Eigenschöpfung von Zahlungsmitteln per Bilanzverlängerung" für so etwas wie Preisniveaustabilität in der Realwirtschaft sorgen können (und wollen) ? Ich nicht.

>> Der einzige Grund, warum die MR überhaupt existiert, ist wohl die Absicherung vor plötzlichen Insolvenzen bei höheren Barabflüssen.
> Vielleicht ja auch, weil Ökonomie nicht verstanden wurde. :-)

... ja, die Absicherung vor plötzlichen Banken'Insolvenzen sowie insb. der Kundenguthaben (und folglich vor Kundeninsolvenzen) im Falle der Fälle, wohlgemerkt.

>> Ansonsten ist die MR ziemlich überflüssig - in ihrer jetzigen Konzeption gleich doppelt (die MR wird zum Zuteilungssatz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte verzinst = praktisches Nullsummenspiel für die GB, einziger Trost: ein Teil ihrer Sicherheiten ist dafür "belastet").
> Mir erschließt sich auch überhaupt nicht, welche Sicherheit Notenbankgeld bieten sollte – was hat denn die Notenbank zu bieten?

Nur die ZB ganz allein und als gemeinnützige Nonprofit-Institution kann mittels Geldschöpfungsmonopol die Geldmenge prinzipiell so regulieren (d.h. wenn das Gesamtsystem annähernd optimiert ist), dass dabei Preisniveaustabilität in der Realwirtschaft herauskommt. Und das geht nur mit "Vollgeld oder 100%-Geld".

>> Egal, wie man bei der MR verfährt, man fährt den Karren noch mehr in den Dreck.
> Fährt der Kapitalismus also grundsätzlich gegen die Wand? Warum?

Der Kapital'Ismus** wird es aus vielerlei Gründen und mit mehreren möglichen Endszenarien tun - ist ein sehr weites Thema. ;-)

**) -ismus /-istisch = bezogen auf, zentriert/orientiert an, bestimmt/kontrolliert durch, -dienlich/-verpflichtet, Primat des .. u.ä.

>> MR-Pflicht erhöhen: Kreditvergabe wird eingeschränkt (es braucht mehr notenbankfähige Sicherheiten!)
>> MR-Pflicht abschaffen: Insolvenzen beschleunigen sich, aber Bankrotte werden von der Politik soweit wie möglich in die Zukunft verschleppt (höhere Staatsverschuldung, usw.)
> Wieso beschleunigen sich Insolvenzen bei MR-Verkürzung und nicht viel mehr bei dessen Gegenteil?

Bei niedriger MR ist jede Bank ständig latent insolvent, nur ihre Kunden wissen es nicht. Das ist das Geschäftsmodell des FRB. ;-)

Jede neugegründete Bank fängt mit 100%-Geld an (MR = 100%) und fängt erst allmählich an, ihre Reserve runterzufahren. So richtig drehen aber die Bankster erst auf, nachdem sie ihr eingesetztes Kapital längst und zigfach durch Dividenden und Managergehälter herausgeholt haben. Der Aktivposten "ZBGeld" (ZBGuthaben) in der Bankbilanz, d.h. das pure Geld ihrer Kunden, wird zunehmend durch den sich aufblasenden Aktivposten "Faules Papier" ersetzt, um der vorgeschriebenen EK-Quote zu genügen.


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Mit Gruß, Beo2

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